Ja zu einem Fach Politik 2017-07-15T13:22:39+00:00

JA zu einem Fach Politik

Die Schweiz ist, was das politische System anbelangt, weltweit eine Ausnahme; wir leben in einer halbdirekten Demokratie und sind daher wohl die ‚radikalsten Demokraten‘ der Welt. Eine einzelne Privatperson kann ein beliebiges Anliegen – die wenigen Restriktionen, die existieren, sind die kleinste Hürde – zu einem der meist debattierten politischen Themen machen und bei Erfolg bei der Abstimmung dieses auch umsetzen. Alles, was diese Person dafür benötigt, sind (auf nationaler Ebene) 100’000 gültige Unterschriften von stimmberechtigten SchweizerInnen.

Dieses ‚radikal-demokratische‘ System hat jedoch klare Regeln, welche man zwingend kennen sollte, um seine Rechten optimal nutzen zu können. Die politische Bildung in der Schule sollte der Schülerschaft, welche das künftige Volk darstellt, diese Regeln näherbringen. Von diesen jungen Menschen kann nicht erwartet werden, dass sie auf Anhieb den Aufbau des Staates, die Gewaltenteilung, die Funktionsweise der Bundesversammlung, etc. verstehen. Vielmehr sollte die Schule der Ort sein, an dem man sich an das politische System ‚herantastet‘, die grundlegenden Zusammenhänge anfängt zu verstehen und sich beginnt für das aktuelle politische Geschehen zu interessieren. Wenn dies der Fall ist, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Anzahl der Beteiligten an Abstimmungen und Wahlen erhöht.

Die politische Bildung sollte bewirken, dass man die Hintergründe und die Basics dieses Systems kennenlernt, um vom gewährleisteten Mitspracherecht optimal Gebrauch machen zu können. Diese wird im neuen Lehrplan 21 jedoch marginalisiert. In der Sekundarstufe ist das neue Sammelfach „Natur, Mensch, Gesellschaft“ in vier Unterfächer unterteilt, wovon eines den Namen „Räume, Zeiten, Gesellschaften (mit Geographie und Geschichte)“ trägt. Dieses besteht wiederum aus 27 grossen Themen, welche ein ziemlich breites Spektrum abdecken (von Naturphänomenen über das 19., 20. und 21. Jahrhundert bis zur Bedeutung des Tourismus). Diese 27 Themen sind nochmals in 100 „kleinere“ Unterthemen unterteilt. Eines dieser „kleineren“ Unterthemen handelt von den aus der Schweizerischen Demokratie resultierenden politische Rechte und Pflichten.

Es ist nach dieser Ausführung wohl nicht mehr nötig zu verdeutlichen, wie wenig dieses – besonders für uns SchweizerInnen – essentielle Thema im Lehrplan 21 gewichtet wird. Ausserdem ist es jeder Lehrkraft selbst überlassen, wo sie ihre Schwerpunkte setzt. Einige Lehrkräfte legen einen grossen Wert auf die politische Bildung, was sehr begrüssenswert ist, andere jedoch leider weniger. Das Problem der Regelung im neuen Lehrplan ist, dass es durchaus möglich ist, dass ein(e) SchülerIn, die/der diesbezüglich die ‚falschen‘ Lehrer zugeteilt bekommt, am Ende der Schulzeit ein lückenhaftes (wenn überhaupt eines) Grundwissen bezüglich des politischen Systems hat. 

Lange genug haben wir, die Jungfreisinnigen Basel-Stadt, versucht, dem Erziehungsdepartement mittels Briefen, Aktionen etc. klarzumachen, wie wichtig die politische Bildung ist und dass die aktuelle Regelung eine halbherzige und inadäquate Lösung darstellt. Oft wurden wir gar nicht beachtet und wenn dies ausnahmsweise geschehen ist, hiess es, der Basler Erziehungsdirektor Christoph Eymann werde sich bei der Gestaltung des neuen Lehrplans persönlich für die politische Bildung einsetzen. Das Resultat ist allerdings keineswegs das, was uns am Herzen liegt und was wir forderten (und fordern). Das Thema Politik wird weiterhin marginalisiert.

Nun ist Schluss mit Warten.

Im Januar 2016 lancierten wir unsere Initiative ‚zur Stärkung der politischen Bildung‘ (JA zu einem Fach Politik).

Was wir fordern ist simpel und unmissverständlich: Ein obligatorisches Schulfach ‚Politik‘, das jeder Schüler in der obligatorischen Schulzeit während mindestens einem Jahr, eine Lektion pro Woche, besucht. Die politische Bildung wird ansonsten von den Lehrkräften hin und her geschoben und es ist möglich, dass dieses essentielle Thema am Ende ausgelassen wird.

Neben den politischen Grundlagen soll dieses neue Schulfach jedoch auch  aktuelle Themen beinhalten, Junge (oder auch erfahrenere) PolitikerInnen sollen für Podiumsdiskussionen eingeladen werden, im Schulzimmer soll klassenintern über aktuelle Themen und Abstimmungsvorlagen debattiert werden – wir sind überzeugt, dass viele dieser Diskussionen nach Ende der Schulstunde weitergeführt werden. Sehr viele derjenigen, die nach eigenen Angaben Politik extrem langweilig finden, gehören nämlich schlussendlich oft zu den lautesten und aktivsten Diskussionsteilnehmern, sobald es um das Burka-Verbot, die Masseneinwnaderungsinitiative, die Cannabis-Legalisierung oder andere brisante, für die Jugend interessante Themen geht.

Viele Jugendliche interessieren sich sehr für politische Themen, es ist ihnen aber aufgrund des negativ konnotierten und trocken klingenden Begriffs ‚Politik‘ oft (noch) nicht bewusst. Gerade deshalb muss man sie abholen, ihr politisches Interesse wecken, sie ihre eigene Meinung bilden und diese dann beispielsweise auch im Rahmen von Klassendiskussionen vertreten lassen. Wenn das Interesse ansatzweise vorhanden ist, erscheint es auch nicht mehr so langweilig, etwas über die ‚Basics‘ unseres politischen Systems zu erfahren und schon hat man eine wunderbare Grundlage für eine politisch interessierte und aktive Generation geschaffen.

Die Demokratie ist die Herrschaft des Volkes und setzt deshalb informierte und partizipationsfreudige Bürgerinnen und Bürger voraus.

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